Zum Schmunzeln

von Walter Grabert M.A., Stadtarchivar und Museumsleiter

Das "Fidla" (schwäbisch für "Gesäß")

An der Einmündung der Rathausgasse in den Marktplatz liegt ein eigentümlich behauener Stein in der Fahrbahn. Um die Lösung etwas zu erleichtern, sollte man das Objekt vom Marktplatz aus betrachten. Die Bewohner der unteren Stadt fühlten sich angesichts des Erfolgs der oberen Stadt immer benachteiligt. Jahrhundertelang hegte man stillen Groll, und erst nach 1945 gerieten diese Vorbehalte langsam in Vergessenheit. Bei der Neugestaltung des Marktplatzes 1984 besannen sich ein Kunsterzieher und ein Steinmetz auf die alte „Feindschaft“, und sie dachten sich einen Schabernack aus. Rechtzeitig zur Eröffnung des Platzes hatten die beiden den „Gruß des Götz von Berlichingen an die Oberstadt“ im Straßenpflaster verlegt.

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Von Schwänen und Gänsen

Der umtriebige Landvogt Maria Theresias, Baron Christoph von Ramschwag, versuchte immer wieder, in die Belange der umliegenden Gemeinden „hineinzuregieren“. Bekam man einen Brief des Herrn von Ramschwag, so zierte die Rückseite des zusammengefalteten Bogens (Briefumschläge waren noch nicht üblich) ein Siegel mit drei gekrönten Schwanenhälsen. Was mochte der Landvogt schon wieder im Sinn haben? Der Volksmund degradierte kurzerhand die edlen Tiere zu Gänsen, und die Günzburger hatten ihren Spitznamen weg - die „Gäiskräga“. Auf der Wetterfahne des Unteren Tores und am Marktbrunnen sind sie verewigt.

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Grüne Dächer = Reichtum?

"Das „Untere Tor“ schließt den Marktplatz nach Westen sehr malerisch ab. Die weiß-graue Farbgebung und das elegant geschwungene Dach ziehen die Blicke geradezu an. Wie aber kam man zu den grünen Dachplatten?
Wohlhabende Städte konnten es sich einstmals leisten, die Dächer von Türmen und öffentlichen Gebäuden mit Kupferblech zu decken. Als es noch keinen sauren Regen gab, bildete sich auf Kupfer und Bronze eine grünliche Patina, und von Weitem ließ die grüne Farbe bereits Rückschlüsse auf den Reichtum eines Ortes zu. Da „es“ bei den Günzburgern doch nicht ganz reichte, wollte man wenigstens aus der Ferne den Anschein von Wohlstand erwecken und glasierte die Dachziegel.

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Jetzt wird’s eng – im Radwinkel

Unsere Gassen sind nicht so schmal, dass die Hunde mit dem Schwanz von oben nach unten wedeln müssten. Eng geht’s aber manchmal schon zu. Spazieren Sie einmal probeweise durch den „Radwinkel“ (Beginn am Marktplatz neben der Brauereigaststätte „Zum Rad“)! Nach Passieren der kleinsten Gasse der Stadt sehen Sie übrigens einen weiteren Wehrturm der Stadtbefestigung, den Ursulaturm mit seinem eigenartigen Dach.

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Alte Schulden

Die Postroute Wien-Paris, die zu Maria Theresias Zeiten über den Marktplatz führte, brachte viel Geld in den Stadtsäckel (Pflasterzoll für das Befahren des Marktplatzes), und auch die Gastwirte brauchten sich nicht über mangelnde Kundschaft zu beklagen. Ein weniger gern gesehener Herr kam im Oktober 1805: Napoleon. Nicht nur, dass er Günzburg bayerisch machte, er vergaß auch noch, Fuhrlöhne in Höhe von 423 Gulden zu bezahlen. Irgendwann, spätestens nach Waterloo, hatten die Günzburger den Betrag „abgeschrieben“. Doch als am 4. April 1989 der französische Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl auf der Reisensburg zu einem Gipfeltreffen zusammenkamen, erinnerte der damalige Oberbürgermeister bei der Begrüßung auf dem Marktplatz an die offene Rechnung. Mitterrand antwortete in höchst charmanter Art und zahlte mit einer Goldmünze, die nur in sehr kleiner Auflage zur 200. Wiederkehr der Französischen Revolution geprägt worden war. Der Applaus von 7.000 auf dem Marktplatz versammelten Menschen hat ihm sicher gutgetan.

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Das Kuhtor - nicht nur für Kühe

Mit dem Namen hat es folgende Bewandtnis: In der oberen Stadt lebten viele Ackerbürger, d. h., sie besaßen außerhalb der Mauern Felder und Wiesen und hielten, meist in den Rückgebäuden, verschiedenes Vieh. Drei Hirten, je einer für Kühe, Schweine und Gänse, trieben die Tiere allmorgendlich zusammen und durch dieses Tor und den anschließenden (für den Verkehr mit Wagen zu steilen) Berg hinunter auf die Günzwiesen zur Weide. Der Verein zur Pflege des Brauchtums hat das Innere des Kuhturmes in jahrelanger Arbeit der Vereinsmitglieder wieder zu einem Schmuckstück gemacht; für die Außensanierung griff die Stadt Günzburg in den Geldbeutel. Mehrmals im Jahr finden im Turm Ausstellungen, Lesungen etc. statt. Beachten Sie die Tagespresse oder sehen Sie im Veranstaltungskalender auf dieser Homepage nach.

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Ein Krokodil in der Kirche

Als der Maler Anton Enderle 1741 das Deckenfresko der neuen Frauenkirche ausführte, ließ er im Bildprogramm auch die vier (!) Erdteile zur Huldigung der Gottesmutter auftreten. Menschen in charakteristischer Kleidung und typische Tiere symbolisieren die Kontinente. Die Bewohner Amerikas tragen Federkronen auf dem Kopf, und sie werden von einem Krokodil begleitet. Enderle kannte diese Urzeitechsen natürlich nicht aus eigener Anschauung, und so ist das Tierchen eher ins Posierliche geraten. Besonders das Maul, das einem Entenschnabel mit Zähnen nicht unähnlich ist, und der traurige Zug um die Augen lassen nichts Gefährliches vermuten.

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Werbung und Sponsoring anno dazumal

Kaiser Joseph II. (1780-1790) ließ die Eignung mehrerer Orte als Garnisonstadt prüfen, und er hielt sich wegen dieser Angelegenheit auch zwei Mal hier in Günzburg auf. Quartier nahm er im besten Haus am Platz, dem „Gasthof zur Krone“ (Marktplatz 24). Der geschäftstüchtige Gastronom ließ zur Erinnerung (und auch zu Werbezwecken) eine Inschrift mit einem vergoldeten Medaillon an der Fassade anbringen. Die Entscheidung fiel schließlich zugunsten Günzburgs, weil sich angeblich die vielen Bierbrauer als Sponsoren für den Kasernenbau engagierten. Eine Investition, die sich wohl rentiert haben dürfte; andererseits war die Finanzspritze auch bitter nötig. Die ursprünglich veranschlagten Baukosten wurden nämlich um 35% überschritten, ein Missgeschick, das heute noch vorkommen soll. Ob es wohl am guten Günzburger Bier gelegen hat, dass die österreichischen Soldaten den französischen Truppen am 9. Oktober 1805 nur einen Nachmittag lang Widerstand leisten konnten?

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Waten in der „Wätte“

Die erste Wasserversorgung der oberen Stadt stellte einstmals der Stadtbach dar, ein offen geführter Wasserlauf, vergleichbar mit den sog. „Bächle“, die heute noch Freiburg/Breisgau durchziehen. Als die Bewohner nach und nach Hausbrunnen gruben oder sich aus den Röhrenbrunnen am Marktplatz versorgten, staute man hier den Bach zu einem kleinen Teich auf, um die Pferde waschen zu können (Pferdeschwemme). Weil das Wasser so seicht war, daß man darin ‚waten‘ konnte, nannte man den Platz bald die „Wätte“. Allerdings roch das Ganze nicht sehr fein, weshalb der Stadtphysikus 1792 die Verfüllung durchsetzen konnte. Dafür hielt man hier bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts an Dienstagen den Ferkelmarkt ab! Bei der Neugestaltung des Platzes (1990) erinnerte man sich wieder daran, und aus einem Gestaltungswettbewerb ging der bronzene Schweinehändler („Saubarthel“) hervor.

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Günzburger Schinken auf der Menükarte von LZ 127

Zeppelin über Günzburg

Bevor das Luftschiff LZ 127 "Graf Zeppelin" am 11. Oktober 1928 zu seiner Amerikafahrt startete, unternahm das eine ganze Nation begeisternde gigantische Luftfahrzeug mehrere ausgedehnte Probefahrten über Deutschland. Die Gazetten berichteten täglich und kündigten die Flugrouten an, und wenn sich das technische Wunderwerk dann wirklich über einer Stadt zeigte, war der Jubel riesengroß. Würde der neue deutsche Zeppelin auch nach Günzburg kommen? Bereits am 19. September 1928 war eine Meldung im Zusammenhang mit dem Zeppelin Lokalspitze (erste Meldung oben links) des "Schwäbischen Volksblatts", der damaligen Günzburger Zeitung. Das Blatt berichtete, daß die Fleischwarenfabrik Wilhelm Lutz "für die Amerikafahrt des Luftriesen ein für 60 Personen ausreichendes Quantum Günzburger Delikateß-Dosen-Saftschinken" liefern würde. Und die Zeitung schloß nicht ohne Stolz: "So werden erneut Günzburger Qualitäts-Erzeugnisse Günzburgs Namen in die Welt hinaustragen." Wenige Tage später, am 22. September 1928, hatte die Zeitung "aus gut unterrichteten Kreisen" erfahren, "dass die Firma Wilhelm Lutz, Fleischwarenfabrik in Günzburg, ... , ersucht hat, Günzburg bei den Fernfahrten zu berücksichtigen. Von der Direktion der Zeppelinwerft in Friedrichshafen wurde nun die Zusage gegeben, dass das Luftschiff ... auch Günzburg überfliegen wird." Einen Tag danach zitiert das "Volksblatt" aus der Speisekarte des Bordrestaurants und man erfährt, daß ein mit (Günzburger) Schinken belegtes Brot 60 Pfennige kostet. Zum Vergleich: Ein Inserat in der gleichen Ausgabe bot Einmachzwetschgen zu 16 Pfennige das Pfund an. Der große Tag war dann der 3. Oktober 1928. Im "Schwäbischen Volksblatt" konnte man u. a. lesen: "Das Luftschiff war beim Herannahen an die Stadt wie zum Gruß etwas tiefer gegangen, hob sich wieder leicht und überflog nun in elegantem Bogen die Mitte der Stadt. ... Wer das Luftschiff von dem Moment ab, da es in Sicht kam, bis zum Schlusse beobachtete, konnte keinen Zweifel haben, daß es unserer Stadt einen Besuch abstatten wollte. War es vielleicht doch der berühmte Günzburger Schinken, den sich "Graf Zeppelin" für seine Fahrten bekanntlich aus unserer Stadt kommen ließ, welcher es veranlaßte, die Donau gerade bei unserer Stadt zu überschreiten und unsere Stadt zu grüßen?" Der Landwirt Franz Gehring aus Großkötz besang den Zeppelin auf seine Weise. In einem dreizehnstrophigen Gedicht, das natürlich in der Zeitung (10. Oktober 1928) abgedruckt wurde, ging er auch auf die Belieferung mit Schinken ein:

Grad üb'r's Lutza Wurschtfabrik
Tuat se dös Luftschiff schwenka.
Dear liefaret zur Auslandsfahrt
Dia Dauerwürscht und Schinka.

Ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Fitnessbewegung

Der Arzt Dr. Josef Klimm (*1.4.1791 in Hundsknoppernreuth/Oberpfalz; +29.2.1861 in Günzburg) begegnete während seiner Studienzeit in Berlin dem nachmaligen „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1853). Jahn hatte 1811 in der Hasenheide den ersten deutschen Turnplatz mit eigens dafür angefertigten Geräten begründet. Die Teilnahme an den regelmäßigen Turnstunden weckte in dem jungen Medizinstudenten das Interesse für die Funktionen des menschlichen Bewegungsapparates. Die muskuläre Anspannung an einer waagrecht befestigten Turnstange wies er in langen Versuchsreihen nach und veröffentlichte die Ergebnisse in seiner 1819 vorgelegten Dissertation „Exemplarische Exploration der Extension der oberen Extremitäten“. Nach anfänglicher Begeisterung geriet die der Einfachheit halber zwischenzeitlich „Klimmzug“ genannte Übung nach 1848, zusammen mit ihrem Erfinder, in Vergessenheit.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Klimm bereits seine Ordination im Haus seines Schwiegervaters in der Hofgasse 3 eröffnet. Im dazugehörigen Rückgebäude richtete er ein mit selbst entwickelten Übungsgeräten ausgestattetes „Medizynisches Institut zur Mobilitäts-Therapie“ ein, das er bis zu seinem Tod zum Segen der Bevölkerung betrieb.

Erst zum 100jährigen Jubiläum im Jahr 1919 erinnerte man sich wieder des Klimmzugs, gerade rechtzeitig, um die zur Disposition stehende olympische Disziplin des Seilziehens (letztmals ausgetragen 1920 in Antwerpen) durch einen weniger der Volksbelustigung dienenden Wettbewerb abzulösen.

Angesichts der bereits von Josef Klimm geleisteten Grundlagenforschung hätte durchaus eine Chance für den Klimmzug bestanden. Da das Deutsche Reich aber als Folge des Ersten Weltkriegs noch bis einschließlich 1924 von der Olympiade ausgeschlossen war, verwarf das IOC entsprechende Anträge.

Anlässlich der 200. Wiederkehr des Geburtstags von Josef Klimm am 1. April 1991 ehrte die Stadt Günzburg den großen Mediziner mit der Anbringung einer Gedenktafel an seinem Wohnhaus.

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