Ein langer Schatten

Biographie

Josef Mengele - Biographie

Josef Mengele wurde am 16. März 1911 in Günzburg als ältester von drei Söhnen des Landmaschinenfabrikanten Karl Mengele geboren. Er entstammte einem national-konservativen, streng katholischen Elternhaus. Von 1921 bis 1930 besuchte Josef Mengele das Günzburger Gymnasium, und 1924 trat der Dreizehnjährige dem national-konservativen Großdeutschen Jugendbund bei. 1930 bestand Mengele sein Abitur mit eher mittelmäßigen Noten. Der gerade 19-jährige verließ seine Heimatstadt und studierte in den folgenden Jahren in München, Wien und Bonn Medizin mit Schwerpunkt Genetik, außerdem Anthropologie. Eine besondere Affinität zum Nationalsozialismus zeigte Mengele in den ersten Studienjahren nicht: 1932 trat er dem ebenfalls national-konservativ geprägten Jungstahlhelm bei. Als dessen Mitglieder nach der Machtergreifung in die SA überführt wurden, trat Mengele 1934 aus.

1935 promovierte er im Fach Anthropologie, 1936 bestand er die erste Staatsprüfung und absolvierte anschließend sein Medizinalpraktikum in Leipzig und Frankfurt am Main. Nach Abschluß des Medizinalpraktikums wurde er als Assistenzarzt am von Prof. Otmar Freiherr von Verschuer geleiteten Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt übernommen. Dort promovierte er 1938 ein zweites Mal und konnte bei der Erstellung von „Vaterschaftsgutachten“ für sogenannte Rassenschandeprozesse das theoretische Rüstzeug seiner wissenschaftlichen Ausbildung erstmals in die schreckliche Praxis umsetzen. 1939 heiratete Mengele seine erste Ehefrau Irene.

Am 15. Juni 1940 wurde Josef Mengele zur Wehmacht einberufen und meldete sich freiwillig zur Waffen-SS. Ab 11. August 1940 war er an der Einwandererzentralstelle in Posen tätig. Von dort wurde Mengele zum SS-Pionier-Bataillon 5 der Waffen-SS-Division Wiking versetzt und nahm von Anfang an am Rußlandfeldzug teil. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und befördert, und nach einer Verwundung wurde Mengele im Januar 1943 zum SS-Infanterie-Ersatz-Bataillon Ost nach Berlin zurückgeschickt. Dort war er in seiner Freizeit für das Kaiser-Wilhelm-Insitut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik tätig, das inzwischen von seinem Mentor von Verschuer geleitet wurde.

Ende Mai erkrankte der Lagerarzt des Zigeunerlagers in Auschwitz-Birkenau, Benno Adolph, an Scharlach. Es war absehbar, daß er für längere Zeit dienstunfähig bleiben würde. Als Ersatz griff man auf den in Berlin zur Verfügung stehenden, gut qualifizierten und mittlerweile zum SS-Hauptsturmführer beförderten Josef Mengele zurück. Am 30. Mai 1943 trat Josef Mengele seinen Dienst in Auschwitz-Birkenau an. Nach seiner Ankunft war Mengele Leitender Lagerarzt für das Zigeunerlager (Lagerabschnitt BIIe), nach der Liquidation des Zigeunerlagers übernahm er die Leitung des Häftlingskrankenbaulagers BIIf.

Das Aufgabengebiet, das Mengele als Lagerarzt in Auschwitz erwartete, hatte mit der von einem Arzt eigentlich zu erwartenden Tätigkeit wenig zu tun. Sie waren vor allem in den Vernichtungsprozeß eingebunden, der letztlich der Hauptzweck von Auschwitz war. Der Zweck des Häftlingskrankenbaus war dabei ein doppelter: Einerseits sollten solche Häftlinge, die nur an leichtesten Erkrankungen litten, schnellstmöglich wiederhergestellt werden, um ihre Arbeitskraft noch eine Zeit lang ausbeuten zu können; andererseits sollten Kranke oder Verletzte, deren Genesung längere Zeit in Anspruch nehmen würde oder die gar ein Ansteckungsrisiko bedeuteten, ausgesondert und getötet werden.

Aufgaben, die ihm als Lagerarzt zufielen, erledigte Mengele ohne erkennbare Skrupel und mit großer Pedanterie. Dies galt etwa für die Selektionen, die die Ärzte sowohl an der Rampe als auch immer wieder im Lager selbst durchzuführen hatten. Mengele ließ die Häftlinge mal an sich vorbeimarschieren, mal ging der SS-Arzt selbst durch die Reihen und entschied dann nach einem kurzen Blick mit einer lässigen Handbewegung über das weitere Schicksal der Ankömmlinge. Von Zeit zu Zeit pfiff der immer akkurat gekleidete, bisweilen lächelnde Mengele wohl auch eine Opernarie, während er über Leben und Tod seines Gegenübers entschied.

In erster Linie steht der Name Mengele heute jedoch für die grausamen, pseudo-wissenschaftlichen Experimente, die der SS-Arzt an den Häftlingen durchführte. Das besondere Interesse des ehrgeizigen Anthropologen und Genetikers Mengele galt mit der Zwillingsforschung einem geradezu klassischen Gebiet seiner Disziplinen. Er erkannte und nutzte die Möglichkeiten, die sich ihm in Auschwitz boten, hemmungs- und skrupellos: Seiner Forscherphantasie war, anders als früheren, „zivilen“ Forschern, keinerlei Grenzen gesetzt. Seine Opfer sah er nicht mehr als Menschen, sondern als „Verbrauchsmaterial“, das einen Zweck zu erfüllen hatte. Die wenigen, die Mengele überlebten, litten und leiden ein Leben lang an dem, was Mengele ihnen in Auschwitz antat.

Mengele verließ Auschwitz am 17. Januar 1945 und floh vor der Roten Armee in Richtung Westen. Nachdem er nochmals in einem KZ (Groß-Rosen) eingesetzt worden war, fand er am 2. Mai bei einem Feldlazarett Unterschlupf und tauschte seine SS- mit einer Wehrmachtsuniform. Im Juni 1945 wurde die ganze Einheit von der US-Armee interniert. Unter dem falschen Namen Fritz Hollmann wurde Mengele Anfang August regulär entlassen. Mengele schlug sich bis Günzburg durch, wo er sich ab Ende August für einige Wochen in den Wäldern versteckt hielt, bevor er sich ab Anfang Oktober als Knecht auf einem Bauernhof bei Rosenheim in Oberbayern verbarg. Im August 1948 verließ Mengele den Hof, und vermutlich ist er danach nochmals nach Günzburg zurückgekehrt.

Am 15. April 1949 begann Josef Mengele seine Flucht nach Südamerika. Auf abenteuerlichen Wegen erreichte er Genua. Ausgestattet mit einem Rot-Kreuz-Paß auf den Namen Helmut Gregor konnte er am 25. Mai 1949 Europa in Richtung Argentinien verlassen. Am 20. Juni 1949 erreichte Josef Mengele Buenos Aires. Dank einiger Unterstützung von seiner Familie brauchte sich Mengele zunächst zumindest um seine finanzielle Situation keine Sorgen zu machen. Auch die Verfolgung von NS-Tätern war zu Beginn der fünfziger Jahre in der Bundesrepublik fast völlig zum Erliegen gekommen.

Am 25. März 1954 wurde seine Ehe mit Irene Mengele geschieden. 1956 reiste er in die Schweiz, wo er eine Woche Skiurlaub mit seinem 1944 geborenen Sohn Rolf (der ihn allerdings für einen entfernten Onkel hielt) verbrachte. Im Anschluß daran ist Mengele nochmals heimlich nach Günzburg zurückgekehrt. Zurück in Argentinien beantragte Mengele bei der Deutschen Botschaft die Richtigstellung seiner Identität und einen Reisepaß der Bundesrepublik Deutschland – beides erhielt er problemlos. 1958 heiratete er seine verwitwete Schwägerin Martha, die ihm zusammen mit ihrem Sohn Karl-Heinz nach Südamerika gefolgt war.

Fünf Tage nach Mengeles Hochzeit, am 3. August 1958, wurde Strafanzeige gegen Josef Mengele erstattet, und am 25. Februar 1959 erging der erste Haftbefehl. Mengele, der ja mittlerweile unter seinem eigenen Namen lebte, floh nach Paraguay, Martha und Karl-Heinz kehrten nach Europa zurück. In Paraguay gelang es Mengele, die Staatsbürgerschaft zu erlangen, die ihn vor Auslieferung schützte. Doch am 11. Mai 1960 entführte der israelische Geheimdienst Adolf Eichmann nach Jerusalem, und da Mengele fürchten mußte, ebenfalls Ziel des Mossad zu sein, setzte er im Oktober 1960 seine Flucht nach Brasilien fort. Dort lebte er in den nächsten beiden Jahrzehnten äußerst zurückgezogen in der Gegend um Sao Paolo. Mit einem ungarisch-stämmigen Ehepaar hielt sich zunächst auf abgelegenen Farmen versteckt, weitgehend isoliert von der Außenwelt. Gleichzeitig wuchs das öffentliche Interesse an seiner Person: Von nicht zu unterschätzender Bedeutung war dabei der große Frankfurter Auschwitz-Prozeß (1963-1965). Zuletzt, seit 1975, bewohnte er ein kleines Haus in einem heruntergekommenen Viertel von Sao Paolo.

In den sechziger und siebziger Jahren entstand um die Person des KL-Arztes eine Vielzahl von Mythen und Legenden, denen alle eines gemeinsam ist: sie entbehren jeglicher realer Grundlage. Unzählige Nazijäger, Journalisten und Abenteurer wollten Josef Mengele im Laufe der Jahre ausfindig gemacht, ihn fotografiert, gefilmt oder gar getötet haben.

Am 7. Februar 1979 erlitt Josef Mengele in dem brasilianischen Badeort Bertioga beim Schwimmen einen Schlaganfall und ertrank. Seine Leiche wurde über sechs Jahre später, am 5. Juni 1985, auf einem Friedhof in Embu entdeckt. Bei einer Hausdurchsuchung hatten die Ermittler bei Hans Sedlmeier, einem Vertrauten der Familie und Prokuristen der Firma Mengele, Briefe entdeckt, die belegten, daß Sedlmeier über Jahrzehnte hinweg die streng konspirativen Kontakte der Familie nach Südamerika koordiniert hatte.

In aufwendigen gerichtsmedizinischen Untersuchungen konnte binnen weniger Wochen bestätigt werden, daß es sich bei der entdeckten Leiche um die Josef Mengeles handelte. Trotzdem blieben insbesondere in den Kreisen von Mengeles Opfern zunächst verständliche Zweifel. 1991 konnte jedoch die Identität der Leiche durch eine DNA-Analyse zweifelsfrei bestätigt werden: Josef Mengele ist definitiv im Februar 1979 beim Baden ertrunken.

Text: © Sven Keller, 2004 (siehe Literatur)
Homepage von Sven Keller: www.cellarius.de