Schwäbisches

Postjörgele

Eine ehemalige Günzburgerin surfte kürzlich auf diese Seite und schrieb uns per E-Mail, daß es doch schön wäre, ein zusammenhängendes Stück schwäbische Mundart lesen zu können und schlug auch gleich vor, eine Kolumne des „Postjörgele“ (bürgerlich: Willi Lorenz) zu veröffentlichen. Wir kommen diesem Wunsch gerne nach und geben hier eine Episode wieder, die bekannte Institutionen und Personen zum Thema hat. Gleichzeitig danken wir der „Günzburger Zeitung“ für das Einverständnis zur Wiedergabe an dieser Stelle. Für Nicht-Günzburger ist ein kurzer Beitrag über den Autor vorangestellt.

Begegnung mit dem „Postjörgele“

von Walter Grabert M.A., Stadtarchivar und Museumsleiter

Willi Lorenz (1906 - 1990) war eine Institution - als langjähriger Mitarbeiter der Stadtverwaltung, als ehrenamtlicher Stadtarchivar, als „Postjörgele“ und als einer, der aus längst vergangenen Zeiten Günzburgs erzählen konnte. Sein phänomenales Gedächtnis schlug Brücken zu Persönlichkeiten und Ereignissen.

In seinem Haus am Bürgermeister-Landmann-Platz (heute: Wilhelm-Lorenz-Gasse), das er wegen mehrerer Anbauten scherzhaft die „Vereinigten Hüttenwerke“ nannte, entstanden die „Postjörgele“, eine 42 Jahre lang erscheinende Kolumne der „Günzburger Zeitung“. Wenn diese humorvollen und niemals bösartigen oder verletzenden Betrachtungen seines alter ego oben links auf der ersten Seite des Lokalteils erschienen (sog. „Lokalspitze“), dann war Willi Lorenz, der öffentliche Ehrungen stets abgelehnt hatte, doch etwas stolz. Oftmals waren die Protagonisten seiner Geschichten Menschen wie Du und ich, denen ein lustiges Mißgeschick passiert war - und zwei Tage später fand sich der Unglücksrabe schon in der Zeitung. Wer hatte wohl die Information an Willi Lorenz weitergegeben? Er verfügte über einen gut funktionierenden „Nachrichtendienst“, und schon bald war der Ausspruch „Ich tu‘ Dich ins Postjörgele!“ zum geflügelten Wort und zur spaßigen Drohung geworden. Auch VIP‘s wurden bisweilen Ziel seiner spitzen Feder, und als wirklich prominent galt in Stadt und Landkreis nur, wer auch manchmal im „Postjörgele“ stand.

Dreimal wurde auch ich sein „Opfer“; einmal davon hat er mich sogar selbst erwischt, als ich mit einer unbekleideten weiblichen Schaufensterpuppe unter dem Arm durch die Hofgasse marschierte. An der Einmündung der Willroidergasse kam es zur „unheimlichen Begegnung der besonderen Art“. „Sodom und Gomorrha!“ rief er immer wieder aus, und vor lauter Lachen hatte er Tränen in den Augen.
Und jetzt kann man ein „Postjörgele“ weltweit lesen. Was hätte Willi Lorenz dazu gesagt?

Schanett - o la la

Mit'm a Bus voll Stadtbutza ischt dr Günzburger Brauchtumsverein nach Lannion in Frankreich g'fahra. A Wuch lang hant se bei de Bretona so a Gastfreundschaft erleabt, daß se g'moint hant, sie kennat anand scho seit dreißg Jauhr. Dr Verein hat drmit für die Städtefreundschaft Günzburg - Lannion an wertvolle Beitrag g'Ieischtet. Dr Günzburger Stadtrat Peter ka guat französisch schwätza, was von Vorteil war. Als Gastg'schenk hant d'Günzburger a riesigs Glas Woizabier mitbracht. Dr Lannioner »König«, soviel wia z'Günzburg dr Stadtbutz, hat feierlich begrüßt; er hat da Titel »Seine Majestät«, was beim Stadtbutz bis jetzt no net dr Fall ischt. S. M. Mallagre in ra Riesakopfbedeckung mit Krone hat aus'm Günzburger Zwoi-Liter-Krug kaum trinka könna, weil er in seiner Aufmachung 's Maul an da Krug net nabracht hat. Dr Günzburger »Anschreier« Reinhold und dr »Täfelesbua« Peter hant eahm helfa wölla; aber Seine Majestät hat da Krug trotzdem net nabracht.

Die Günzburger Stadtbutza send in Lannioner Familien unterbracht gwea. Ma hat's eahne bequem g'macht wia dahoim. Alle hant bei ihre Gastgeber a Mordsglück ghött; bloß dr Pit hat beim groaßa »Bal de Ma'este Mallagre« a Mordspech erleaba müaße. Eahm hant se als Partnerin a rassiga Französin zuatoilt. Wenn er se mit ihr hat unterhalte wölla, hat er a kloins Lexikönle aufg'schlaga und aus deam passende Wörter und Sätzla zemabaut. Sia war im Schwätza sehr zurückhaltend; aber sie hat die Finger-, Hand- und Fußsprache blendend beherrscht, so daß dr Pit scho gwißt hat, was sie will. Er hat drbei ganz vergesse, daß er verheirigat ischt. Und so hat ma halt anand fescht Busserla geaba. Nachts um oins war Abschied; und drbei ischt's aufkomma, daß ein Pit sei Jeanette koi weibliche, sondern a männlichs Weasa war. Und drzua war dös no sei Gastgeber! Dr Pit hat als höchsta Ausdruck von dera peinlicha Überraschung bloß no saga könna: »Schanett - ja dau verreck!«